Gedanken über das Leben in der Datenwolke

Vermutlich habt ihr euch darüber auch schon einmal Gedanken gemacht. Ich habe jedenfalls gerade wieder einen Moment, in dem ich über die unvorstellbaren Datenmengen und ihre Wege nachdenken muss. Nicht dass es in mir Ängste wecken würde, viel mehr fasziniert es mich, zieht mich in seinen Bann und lässt mich nicht mehr los. So albern das Thema auch klingen mag, dennoch sind die Daten unser heutiges Leben. Selbst wenn man kein Smartphone oder auch kein Handy in der Tasche hat, die EC-Karte, Krankenkassen-Karte mit Chip und Co. tragen wir alle mit uns rum. Ja selbst die Eintrittskarte zum Shopping-Tempel der Metro-Gruppe trägt einen Magnetstreifen auf ihrem Rücken. Sieht man es gar einmal nicht mit vielen Nullen und Einsen vor den Augen, sind es ebenfalls auf der IKEA-Family oder auch AirBerlin-Karte Daten. Zahlen, die für ein weiterverarbeitendes System einen Sinn ergeben, sei es nur die Feststellung der Identität.

Für mich ist es wie bereits erwähnt faszinierend. Ich liebe Zahlen, Datenbanken und Vergleiche, und die Relationen die man aus ihnen anstellen kann. Die Kunst ist es weniger Daten zu sammeln, sie ist es viel mehr aus diesen Daten ein Bild zu erstellen, ein Muster zu finden oder Querverweise zu erkennen. Was seht ihr, wenn ihr auf eine Tabelle mit zufällig generierten Zahlen blickt? Okay, als erstes kommt der Gedanke, dass ein Zufall aus einem Rechensystem dennoch kein Zufall ist, mögen man dies auch so titulieren. Danach geht’s los. Je nach Anordnung lassen sich eventuell Muster erkennen, was könnten sie bedeuten, weiß man woher die Tabelle stammt oder sind es einfach nur Ergebnisse einer Berechnung.

Aber so weit muss man gar nicht gehen. Selbst einfachste Informationen können in großer Menge schnell zum Overkill führen. Das Data managment erledigen viele Programme, die um so mehr damit Werben wie einfach und gut sie sich bedienen lassen und beispielsweise Adressinformationen sortieren und Verweise anstellen können. So kann man sich in vielen Kauflösungen aus den in Facebook gewonnen Daten schnell die ‚Fans‘ rausziehen, die beispielsweise zwischen 1982 und 1987 geboren sind, im Netzwerk nach neuen Kontakten suchen, gerne den Film Inception gucken und weiblich sind. Nun haben sie auch ihren Heimatort oder ihren aktuellen Aufenthaltsort angegeben. Gut, dann lasse ich mir eben mit der Software noch alle Kontakte aus dieser Cloud anzeigen, die im Postleitzahl-Bereich 5 leben und dazu eine Website-URL angegeben haben. Jetzt habe ich die Daten und schneidere eine passende Kampagne für diese Mädels zusammen, von der ich ausgehen kann, dass ich kaum am Ziel vorbei werbe (vorausgesetzt meine Werbung knallt eben), da ich meine Zielgruppe bestens getrichtert habe. Aber nicht zu vergessen dass ich sie sowieso schon einmal besser erreiche, da sie mich ja bereits mögen. Ich reibe mir aber auch schon die Hände wenn ich endlich ihre Geotags auswerten kann, denn dann weiß ich ja beispielsweise auch, dass sie auf der Suche nach Beziehungen sind, sich im ‚Club‘ einchecken und gerne Mixgetränke mit Wodka trinken. Doch wer will denn dabei nur soweit denken, dass teuer bezahlte Coaches so den eventuell passenden neuen Partner für einen finden und der Liebe nur mit ein paar Daten auf die Sprünge helfen, während der potentielle Kunde der suchenden Dame im Club einen Drink spendiert und sich gut über Filme zu unterhalten weiß.

Auf der anderen Seite brauche ich mich nur umzusehen. Gehe ich nur einmal von meinem Schreibtisch aus, an dem ich im Moment sitze. Hier steht natürlich das MacBook Pro an dem ich arbeite, dazu mein Sony-Notebook, der Media-Receiver von T-Home mit eingebauter Festplatte, sieben externe Festplatten, zwei Smartphones, mehrere USB-Sticks, eine digitale Spiegelreflex-Kamera und natürlich auch meine Geldbörse mit einigen Karten. Von der aktuellen Auto-Bild, der Flasche Vittel und den anderen ablesbaren Dingen ganz zu schweigen. Wenn man sich jetzt auch noch darüber Gedanken macht was an Daten via Funk um und durch uns getragen werden (genau, jetzt fällt der Blick beispielsweise auf den WLAN-Access-Point, auf die Funkuhr oder den Sendemast unten in der Stadt), bekommt man ein wenig den Blick für die Datenwolke.

Google wirft man immer wieder vor eine große Datenkrake zu sein. Mag sein, doch es gibt auch nichts wichtigeres als Daten. Vor allem wenn man mit ihnen sein Geld verdient oder dieses durch weitere Daten noch viel besser verdienen kann. Womit fasst man am schnellsten einen Straftäter? Mit Daten. Wie baut man das beste Auto? Durch Daten. Wie entwickelt man die besten Maschinen um die besten Autos erst herstellen zu können? Durch Daten. Wer entwickelt die Maschinen, die unser Leben erst so angenehmen oder garstig machen? Daten. Ein Gehirn ist auch nichts anderes als ein Massenspeicher. Zugegeben das beste uns bekannte Speichermedium. Reduziert man alles Leben nur auf eine Zelle haben wir immer noch eins: Daten.

Eine der Fragen ist, was stellen wir mit diesen Daten an? Wie sammeln, ordnen, werten sie aus und nutzen sie? Seien es die Adressdaten eines Kunden, die übermittelten Daten von Facebook, die gekauften Kontakte und persönlichen Daten irgendwelcher dubioser Unternehmen, die Informationen des Lebens oder einfach nur die eigenen Kontoauszüge. Eine andere Frage könnte sein, wie viele Daten sollte man von sich selbst teilen, sollte man vielleicht alles zweitklassige persönliche freigeben um nur noch gezielte Informationen zu erhalten, die das breite Spektrum des Spams verdrängen? Oder sollte man sich abkapseln, nur noch teilen was wirklich nötig ist oder gar ganz auf das Teilen der Daten verzichten?

Ich kenne Menschen, die haben keine EC-Karten, die heben keine Briefe auf, lassen sich keine Kassenzettel geben und wollen mit all diesen Daten und der Verbreitung ihrer eigenen nichts zu tun haben. Sie ärgern sich darüber, dass sie unbedingt ein Bankkonto führen müssen, dass sie vom Staat eine ID verpasst bekommen und eine Zahl im System sind. Dass ihre Finanzen Datenbanken füllen, ihre Gesundheit nur weitere Ziffern und Snippets in Klassifikationen darstellen oder gar nach deutschem Recht auf ihrer Homepage ihre Adresse der bereiten Gesellschaft zur Verfügung stellen müssen, damit man sie besser kontaktieren kann. Besser einordnen, besser auswerten und weitere Daten über sie anlegen kann. Selbst die Freiheit über die eigenen persönlichen Adressdaten reicht hier nur bis zum nächsten Paragraphen.

Was ist ein Mensch wert? Ein paar Zahlen, ein paar Daten. Was sind die Informationen wie Zugangsdaten wert, die man via Phishing erfahren hat? Sind vielleicht die großen Datenbanken aus Social-Networks viel mehr wert? Ist es dabei sinnig, einfach ein paar kleine Datenbanken in die Öffentlichkeit zu streuen damit die Medien dies fressen und ‚das große Ding‘ draus machen, wenn man auf der anderen Seite die wirklich sensiblen und viel umfangreicheren Daten verkauft? Ist es für einen Konzern wirklich schädlich, wenn er in Logfiles mit seinen IP-Netzen auftaucht, weil er vermeintlich große Datenbanken persönlicher Informationen via Filesharing aus dem Netz zieht? Sind vielleicht wir es, die sich nur einbilden die Daten wären wirklich persönlich und sollten geschützt werden? Wovor haben wir Angst? Vor der individuellen Werbung, die selbst heute schon Pharmakonzere auf den jeweiligen Menschen mit seinem Leiden abgestimmt und gezielt über bestimmte Kanäle ausliefern? Haben wir Angst davor ein Arbeitgeber könnte wohlmöglich wissen wie man Google Bilder bedient und getaggte Fotos vom letzten Saufabend findet, während der nächste Stalker dank des Impressums und der Whois-Daten schon im nächsten Café lauert, der meinen Selfhosted-Blog als Fashiongirl gefunden und sich in meine Aufnahmen in Kleidern und halbtransparenten Blusen verguckt hat. Oder haben wir einfach Angst davor, dass Banken oder gar Unternehmen die Wertigkeit der eigenen Persönlichkeit bzw. Zahlungsfähigkeit trotz Rechtswidrigkeit anhand der Standortdaten klassifiziert?

Die Listen, Fragen und Möglichkeiten lassen sich wohlmöglich unendlich erweitern. Unser heutiges Leben in der multimedialen Welt kann nicht mehr ohne sie stattfinden, wenn gleich man sich dies auch gerne einreden mag oder von älteren Herrschaften sich auch gerne immer anhören kann. Fakt ist aber, dass auch zur Zeit ohne Elektrizität schon Daten gesammelt und ausgewertet wurden. Ja selbst die ersten uns ähnlichen Lebewesen sammelten schon Informationen und versuchten sie zu nutzen. Oder warum hinterließen frühere Kulturen ihre Zeichen in Wänden, Böden, Granit und anderen Elementen? Es mag sein, das sie nicht davon ausgingen, dass wir diese jemals zu Gesicht bekommen würden, dennoch hielten sie Informationen fest. Das Ölbild über der Couch mag zwar toll aussehen und man wird sich richtigerweise auch eher an der Optik erfreuen. Dennoch beinhaltet es schlichtweg Informationen die einen selbst vielleicht auch gar nicht weiter interessieren müssen. Doch vielleicht gibt es eben irgendwann einmal einen Menschen, der gerne wüsste aus welchem Jahr das gute Stück stammt, wer es auf die Fasern betrachte, was der Maler in seinen Farben für Inhaltsstoffe verwendete oder gar in welchem Zustand dieser sich zu diesem Zeitpunkt befand.

Es muss eben nicht immer digital sein, wenn dies auch eher mein Gebiet ist. Die Datenwolke ist in vielen Formen immer um uns und ohne sie können wir nicht leben, zumindest nicht so wie ihr, die dies lesen. Bevor man mich für diese Aussage nun auseinander nimmt, möchte ich abschließend noch ein Beispiel nennen: Stellt euch vor ihr lebt euer Leben wie gehabt und nun sperrt man euch ins Gefängnis. Der Grund ist dafür jetzt schlichtweg egal. Es geht darum alleine in einer Zelle zu sitzen. Das kleine Oberfenster ist zu hoch um aus ihm heraus zu blicken. Ihr wisst, dass gerade Tag oder eben Nacht ist, spürt dass zurzeit Sommer oder Winter ist und der einzige Kontakt den ihr habt, ist das kleine Fenster, durch das euch immer wieder genau das gleiche Essen in identischer Form und Füllmenge gereicht wird. Ihr habt also drei direkte externe Informationen die zweifach in wechselbarer Wirkung stehen. Ihr wisst ob Tag oder Nacht ist, wisst ob Sommer oder Winter ist und wisst, dass ihr Nahrung bekommt. Ein Gedankengang könnte nun sein, was passiert, wenn man euch die Information nimmt ob Tag oder Nacht ist. Dies ist eine substantielle Information für euren Körper und Biorhythmus. Nach wenigen Tagen werdet ihr nicht mehr wissen (fühlen), wann in etwa euch die Nahrungsmittel gereicht werden. Auf diese nunmehr zwei Informationsquellen mit einer Variable reduziert wird euer Körper aus dem Gleichgewicht kommen.

Natürlich könnte man nun sagen, dass das Leben kaum in so einer Zelle stattfinden kann, dass das unrealistisch ist usw. Ist es natürlich auch, soll aber aufzeigen wie unser Leben durch Informationen bestimmt wird. Der Einfluss medialer Informationen ist ebenfalls nicht von derart substantieller Natur, wie die Reduktion des Wissens über die Tag-/Nacht-Rhythmen. Doch warum steckt man Straftäter auch in ein Gefängnis? Sie sollen so für ihre Tat büßen, indem man ihnen unter anderem die Informationen des sozialen Umfeldes entzieht. Auch kann der Mensch eben ohne viele der heutigen ‚Dienste und Services‘ leben, denke man nur einmal an einige Urvölker. Doch die Menschen mit dem Zugang zu mehr Informationen stellen sich ebenfalls auch über diese, auch nur Menschen. Wir Menschen stellen uns wegen einiger und offensichtlich entscheidender Möglichkeiten zum weiteren Informationstausches (u.a.) auch über andere Lebewesen, auch und gerade weil wir vielleicht gar nicht wissen, ob wir wahrlich die höchste Lebensform auf diesem Planeten sind. Aber unser Wissen und damit Daten aus Informationen vermittelt und dies offensichtlich. Wir, oder zumindest einige Lebewesen unserer Spezies, sagen ja auch, dass Pflanzen keine Lebewesen sind, weil sie nicht fühlen (und nicht zum Informationstausch neigen). Aber vielleicht fehlen uns dafür einfach noch die nötigen Daten, um zu verstehen was wirklich um uns herum passiert. Was auch die Daten in unserer Luft für eine Wirkung haben, sei sie auf uns wohlmöglich zwar nicht schädlich, könnte sie dies indes für die nicht am Networking teilnehmenden Nicht-Lebewesen jedoch langfristig der Fall sein. Vielleicht fehlen uns einfach noch die nötigen Informationen dazu. (Oder erhitzen nun ‚Handy-Strahlen‘ die Fleischmasse zwischen unseren Ohren?)

Was bleibt? Für mich ist es einfach: Wo bekomme ich noch mehr Daten, für das was und das, was mich eventuell in naher Zukunft interessieren könnte? Ach so, Kreuzworträtsel sind nichts für mich, da bekomme ich meine Daten leider nicht für geordnet, Sudoku dafür schon eher.